13.04.2019, von Marlen Luther

Souverän und vernetzt - vorbereitet für den Ernstfall

Erfahrungsbericht von der CBRN-Jahresausbildung vom 12.-14.04.2019 auf dem Gelände des Institutes für Brand- und Katastrophenschutz Heyrothsberge

Symbolbild, Quelle THW

Beißender Rauch, Trümmerteile, Durcheinander, Menschen rennen davon. Etwas Schlimmes ist passiert. Es gab eine Explosion, vielleicht auch mehrere. Ein Unfall? Ein Terroranschlag? Auf dem Weg zur Einsatzstelle erfahren wir, dass ein Flugzeug abgestürzt ist, mitten in der Innenstadt von Magdeburg, und dass es sich um einen CBRN-Einsatz handelt. CBRN – die Abkürzung umfasst chemische, biologische, radioaktive oder nukleare Gefahren. Was genau geschehen ist, weiß man noch nicht, nur, dass mehrere Gebäude, darunter eine Industriehalle und ein Wohngebäude zerstört wurden. Vielleicht sind Menschen darunter, die gerettet werden müssen. Atemschutzgeräteträger verschiedener Einheiten machen sich bereit. In der Ankleide werden Schutzanzüge angelegt und Pressluftflaschen angeschlossen. Jeder Handgriff muss sitzen, ein Fehler wäre im Ernstfall lebensgefährlich. Die Einsatzleitung teilt die Einsatzgebiete zu und hält über Funk die Verbindung zu sämtlichen Bereichen. In kürzester Zeit kommen Einsatzkräfte verschiedenster Organisationen zusammen und bauen eine funktionierende Rettungsmannschaft auf, die sich wie ein Netz vorsichtig, aber gezielt, über und um die Einsatzstelle herum legt. Federführend in derartigen Lagen ist die Feuerwehr. Sie verfügt über Einheiten und Technik zum Erkunden sowie zur Dekontamination und würde im Löscheinsatz auch die Brandbekämpfung durchführen. Das THW OV Quedlinburg kann mit seiner Technik und seinen speziell ausgebildeten Helfern bei der Ortung und Bergung sowie mit dem Einsatz von Räumgeräten unterstützen.

Es ist die Rede von Gefahrenstoffen. Chemikalien, die wohl im beschädigten Industriegebäude gelagert worden waren, radioaktive Stoffe, die aufgrund des Unfalls ausgetreten sein können, und nun möglicherweise Gesundheit und Leben sowohl der Opfer als auch der Rettungskräfte gefährden. Ein Sperrkreis, gekennzeichnet mit rot-weißem Absperrband, wird um den Unfallort gezogen. Innerhalb dessen besteht Lebensgefahr, er darf nur mit entsprechender Schutzkleidung und umluftunabhängigem Atemschutz betreten werden. Wir sprechen vom schwarzen Bereich, absolute Gefahrenzone. Aufgabe ist es auch, eine Notdekontamination aufzubauen. Die Einsatzkräfte, die aus der Gefahrenzone kommen, müssen auf radioaktive Strahlung getestet und von möglichen Kontaminationen gereinigt werden, bevor sie aus ihren Anzügen steigen dürfen. Bei CBRN-Gefahrenlagen ist eine fertig aufgestellte und funktionierende Dekontamination Voraussetzung dafür, dass überhaupt erst Rettungskräfte in die Unfallstelle vordringen dürfen. Keine Dekontamination, keine Rettung. Der Schutz von Leben und Gesundheit der Helfer und beteiligten Personen ist oberstes Gebot.

Zwei unserer Helfer, welche die Reinigung vornehmen und somit Kontakt zu den kontaminierten Einsatzkräften haben, sind zwischenzeitlich aus der Ankleide zurückgekehrt und selbst mit abgedichteten Schutzanzügen und Atemluftfiltern ausgestattet. Trinken, an der Nase kratzen oder zur Toilette gehen ist für sie ab jetzt nicht mehr möglich, solange, bis sie selbst getestet und dekontaminiert sind. Bis zum Eintreffen der ersten Personen setzen wir sie auf eine Bank, wo sie versuchen, so ruhig wie möglich zu atmen, um Kräfte und Kreislauf zu schonen. Als Team haben wir stets ein Auge aufeinander und fragen regelmäßig ab, ob es allen gut geht. Gibt es ein Problem, wird derjenige sofort versorgt und abgelöst.

Nachdem die Einsatzkräfte der Feuerwehr die Löscharbeiten abgeschlossen haben und die Einsatzstelle betreten werden kann, ist der erste Trupp der Bergungsgruppe zur Erkundung unterwegs.  Die Atemschutzgeräteträger geben ihre Beobachtungen über Funk an die Einsatzleitung durch. Es wurden zwei Personen im Keller des Gebäudes gesichtet, man beginnt nun mit den Vorbereitungen für die Bergung. Die Gerätablage stellt Material wie Seile, Werkzeuge und Schleifkorbtragen bereit. Zwischenzeitlich macht sich der nächste Atemschutz-Trupp fertig, um die Kollegen bei der Rettung zu unterstützen und abzulösen. Die Luft in den Flaschen ist, ebenso wie die Kräfte der Helfer, endlich. Es muss ausreichend Zeit bleiben, die Unfallstelle zu verlassen und die Dekontamination durchzuführen. Der erste Trupp trifft mit pfeifenden Pressluftflaschen bei uns ein. Für einen kleinen Moment kommt Hektik auf. Aber das Vorgehen ist klar. Die Restdrücke der Helfer werden verglichen, derjenige mit der geringsten Luftreserve ist zuerst dran. Später werden wir eingespielt sein, die eintreffenden Helfer zügig auf die anderen Dekontaminationseinheiten verteilen. Der Vormittag ist zum Reinkommen und zeigt uns, was wir an den Abläufen verbessern können. Am Nachmittag sind wir besser im Rhythmus, haben einige Abläufe angepasst. Später in der Auswertung werden wir uns noch einmal bewusstmachen, dass uns im Ernstfall keine Zeit zum Üben bleibt. Ein Fehler in der Planung, ein Stau in der Dekontaminationsstrecke, ein ungenaues Arbeiten hätten ernsthafte Konsequenzen. Umso wichtiger sind Übungen wie diese, in der wir so dicht wie möglich an der Realität trainieren.

Später am Tage drückt mir unser Gruppenführer plötzlich seine Funkgeräte in die Hand und bittet mich, ihn in der Leitung der Dekon zu vertreten, damit er den letzten Rettungstrupp mit Atemschutz verstärken kann. Ich habe keine Zeit zu überlegen, schon trifft über Funk die erste Anfrage ein, die ich beantworten muss. Ich muss mich konzentrieren, um die beiden Funkkanäle gleichzeitig zu hören. Der eine ist der „weiße“, über den die „sauberen“ Bereiche kommunizieren, der andere ist der „schwarze“, über den die unmittelbar im Gefahrenbereich agierenden Rettungskräfte kommunizieren. Zur polnischen Dekon-Einheit sind es nur ein paar Schritte, hier klappt die Absprache mithilfe eines Dolmetschers auf kurzem Wege. Ebenso zu den Johannitern, welche aufgrund ihrer Spezialanlage die Dekontamination verletzter Personen, die nur liegend transportiert werden können, übernehmen und die über die für die medizinische Versorgung notwendige Kompetenz verfügen.

In der Auswertung später stellen wir fest, wie wichtig es ist, die Arbeitsweise der anderen Einheiten zu kennen und somit Möglichkeiten und Grenzen in der Zusammenarbeit zu identifizieren. Für diesen Rückblick nehmen wir uns viel Zeit, jede Helferin und jeder Helfer hat die Gelegenheit, zu Wort zu kommen, ihre persönlichen Eindrücke und Beobachtungen zu schildern und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Aus dieser aktiven Diskussion, in die auch die polnischen Gäste umfassend mit einbezogen werden, leiten wir konkrete Maßnahmen ab und stellen eine Agenda auf, die es im Anschluss abzuarbeiten gilt, um in der nächsten Übung auf den vorhandenen Erfahrungen aufbauen zu können.

Klar ist, im Ernstfall weiß niemand, was uns erwartet und wird es auch nie eine Patentlösung geben. Umso wichtiger ist es, gut gerüstet mit optimalem Wissen, Werkzeug und Ausbildungsstand in solch einen Einsatz zu gehen. Denn nur Wissen und Übung bringt Sicherheit. Sicherheit, die uns im Schadenfall erlaubt, bestmögliche Hilfe zu leisten und dabei unser Leben und das unserer Kameradinnen und Kameraden zu schützen.


  • Symbolbild, Quelle THW

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